DIESE MÄNNER ZITTERN AM GANZEN KÖRPER, KÖNNEN ÜBERHAUPT NICHT MEHR SCHIEẞEN

INTERVIEW mit Rudi Friedrich
Jan Alexander Casper (WELT) — am 5. Januar 2024

Die Ukraine will Hunderttausende geflüchtete Männer in den Krieg gegen Russland schicken. Rudi Friedrich setzt sich für Kriegsdienstverweigerer ein und berichtet von einem stark steigenden Druck auf diese Gruppe. Zunehmend flüchteten auch Soldaten, die vom Einsatz schwer traumatisiert seien. Mehr

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Foto: SOPA Images/LightRocket via Getty Images

UKRAINE-KRIEG: EIN LUNGENFLÜGEL REICHT ZUM KÄMPFEN

Bernhard Clasen (Neues Deutschland) — am 4. Januar 2024

DIE UKRAINE PLANT EINE DEUTLICHE VERSCHÄRFUNG DER MOBILISIERUNGSVORSCHRIFTEN

Zielbewusst geht ein junger Mann, bärtig, schwarze Haare, etwa 30 Jahre alt, auf den U-Bahn-Eingang zu. Plötzlich stockt er, wendet blitzschnell nach rechts und ist wenige Sekunden später in einem Computergeschäft verschwunden. Der Grund dieses plötzlichen Interesses für PC-Hardware ist für den Beobachter wenige Sekunden später erkennbar. Aus der zur U-Bahn führenden Unterführung waren zwei Männer der Wehrbehörde die Treppen nach oben gestiegen. Der junge Mann wäre ihnen direkt in die Hände gelaufen.

Der Vorfall hatte sich vor zwei Monaten in Charkiw ereignet. Der Mann war schließlich eine Stunde später unbehelligt in seiner Wohnung angekommen. Doch nun wird es für Männer ab 25 Jahren zunehmend schwerer, sich in ukrainischen Städten zu bewegen, ohne nicht von den meist schwarz gekleideten Vertretern der Wehrbehörde angesprochen zu werden. Immer dichter wird deren Netz von Checkpoints. Und nicht selten enden die Kontrollen mit einer Unterschrift unter eine »Powistka«. Diese Vorladung verpflichtet die betreffende Person, zeitnah bei der Wehrbehörde zu erscheinen. Und dort warten auf ihn entweder ein Abgleichen der persönlichen Daten, eine Musterung oder eine Mobilisierung zur Armee. 

ARMEE BRAUCHT 500 000 ZUSÄTZLICHE SOLDATEN

Vorausgegangen war der verschärften Jagd auf wehrfähige Männer die Pressekonferenz von Präsident Wolodymyr Selenskyj, der am 19. Dezember 2023 erklärt hatte, dass das Militär weitere 450 000 bis 500 000 Soldaten brauche. Wenige Tage danach brachte die ukrainische Regierung einen Gesetzentwurf ein, der die Vorschriften für Mobilisierung, militärische Erfassung und Kriegsdienst verschärft. Tritt dieser Gesetzentwurf in Kraft, sollen auch Personen mit einer Behinderung dritter Klasse eingezogen werden dürfen. Dann dürfen also auch Menschen mit nur einer Niere, einenem Lungenflügel, einer gelähmten Hand, einem Auge oder auch einem Herzschrittmacher eingezogen werden.

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JEDER VIERTE IST IN RUSSLAND KRIEGDIENSTVERWEIGERER

INTERVIEW mit Artjom Klyga
Daniel Säwert (Neues Deutschland) — am 3. Januar 2024

Artjom Klyga ist Experte für Militärrecht. In Moskau hat er sich in den Wahlkampfteams unabhängiger Kandidaten engagiert und vor dem Ukraine-Krieg in Musterungskommissionen mitgewirkt. Im März 2022 legte er diese Arbeit aus Protest nieder. Klyga hat Russland verlassen und lebt in Deutschland.

Herr Klyga, wie ist die Stimmung unter den russischen Männern?

Von September bis Dezember 2022 waren die Männer überwiegend erschrocken. Viele haben versucht auszureisen. Andere, die nicht verstanden haben, was vor sich geht und was sie erwartet, haben die Mobilisierung als Fahrt ins Ferienlager verstanden, in dem es irgendwelche Belustigungen gibt. Und dann gab es noch die Mehrheit, der es egal war. Ihre Haltung war: Wenn der Bescheid kommt, gehen sie in den Krieg, wenn nicht, dann nicht. Ab Januar 2023 war die aktive Phase der Mobilisierung zu Ende. Wer weg wollte, war schon weg. Für die Gruppe mit der Scheißegal-Haltung hat sich nichts geändert. Aber aus denen, die die Mobilisierung falsch verstanden haben, ist eine vierte Gruppe entstanden, die aus dem Krieg ihren Vorteil ziehen will. Sie unterschreiben einen Vertrag, der ihnen im Monat 2000 Euro bringt. Oft kommen sie aus Regionen, in denen man 300 Euro verdient. Eigentlich muss man noch eine fünfte Gruppe nennen. Das sind diejenigen, die im Kriegsgebiet sind und begreifen, was das bedeutet und verzweifelt versuchen, da weg zu kommen.

Die aktive Phase der Mobilisierung ist vorbei, haben Sie gesagt. Immer wieder heißt es, nach der Präsidentschaftswahl im März würde die Generalmobilmachung ausgerufen. Wir wirken diese Gerüchte auf die Männer?

Dieses Gerücht wird schon das gesamte Jahr immer wieder aufgewärmt. Seit Juli werde ich immer wieder danach gefragt. Meine Antwort ist nein. Und ich hatte recht. Aktuell gibt es genügend Zulauf. Hinzu kommt, dass das Gesetz noch nicht fertig ist. So gibt es noch keine strafrechtliche Verfolgung derjenigen, die sich dem Bescheid entziehen. Was passiert, wenn man einfach nicht hingeht? Vielleicht 50 Euro Strafe. Und selbst die wird möglicherweise nicht erhoben. Ich denke, dass es zu früh ist, über irgendeine Mobilisierung zu sprechen. Sollte es aber juristische Veränderungen geben, ist das ein besorgniserregendes Signal, dass nichts Gutes kommen wird… Mehr

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