von Or von New Profile
(17.05.2025) Hallo, mein Name ist Or. Ich bin eine israelische Kriegsdienstverweigerin.
Ich weiß, dass mir in diesen Tagen vielleicht mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, weil ich mich so vorstelle – mehr, als einige von Ihnen einem Palästinenser auf dieser Bühne zuhören würden. Deshalb bitte ich Sie ausdrücklich: Tun Sie das nicht. Hören Sie uns allen zu – mit derselben Aufmerksamkeit und demselben Respekt.
Ich danke Ihnen für die Einladung, heute hier mit dieser inspirierenden Gruppe von Menschen sprechen zu dürfen. Gemeinsam mit Menschen, die durch ihr Handeln Realitäten verändern. Menschen die Kriege und Besatzungen, Kolonialismus und Ungerechtigkeit nicht einfach hinnehmen, sondern sich ihnen entgegenstellen.
Den Kriegsdienst in Israel zu verweigern, bedeutet nicht, ein Held zu sein. Wir tun es nicht, um gesehen zu werden. Wir tun es, um unsere Privilegien zu nutzen – damit die Stimmen derjenigen gehört werden, die unter der Besatzung leiden. Und wir tun es, um nicht Teil jener Ungerechtigkeiten zu sein, die in unserem Namen begangen werden.
Die Geschichte zeigt uns: Wer einst als „Verräter“ galt, weil er sich weigerte in den Krieg zu ziehen, gilt heute oft als Stimme für Frieden, Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Wenn dich also jemand einen „Verräter“ oder „Gesetzesbrecher“ nennt – dann befindest du dich in guter Gesellschaft.
Viele Menschen, die den Dienst verweigern oder abbrechen, sprechen nicht öffentlich darüber – auch wenn ihre Entscheidung politisch motiviert ist, zum Beispiel: Weil sie Militärgewalt und Völkermord ablehnen. Weil sie aus armen Verhältnissen kommen. Weil sie Frauen oder queer sind. Oder für Klimaschutz und Tierrechte kämpfen. Oder auch wegen psychischer Belastungen. Ich wünsche mir, dass wir auch sie als Teil unseres gemeinsamen Kampfes sehen. Sie sind die stillen Gesichter einer breiten Bewegung, die NEIN sagt.
Und diejenigen von uns, die die Möglichkeit haben, ihre Verweigerung offen zu erklären und eine Bestrafung zu riskieren – wir sollten uns bewusst sein: Unsere Strafen sind vergleichsweise milde. Jüdische Israelis zum Beispiel werden, zumindest bisher, kaum unter Verwaltungsarrest gestellt. Während wir hier sprechen, sitzen jedoch Tausende Palästinenser*innen im Gefängnis – wegen absurdester Gründe. Manchmal nur, weil sie ihre Trauer über die toten Kinder in Gaza zeigen.
Lasst uns also unsere Stimmen vervielfachen. Lasst uns die Verbindungen zwischen uns erinnern. Lasst uns gemeinsam kämpfen – für die Entmilitarisierung der Welt, für das Ende der Kriegsindustrie, gegen Kapitalismus und Patriarchat. Gemeinsam – aus Korea, Myanmar, Kongo, Kurdistan, Sudan, Westsahara, Äthiopien, Brasilien, Kolumbien, Ukraine, Russland, Iran, Syrien, Indien, Thailand – und Palästina.
Or von New Profile: „Sie sind die stillen Gesichter einer breiten Bewegung, die NEIN sagt“. Redebeitrag am 17. Mai 2025 in Berlin aus Anlass des Internationalen Tages der Kriegsdienstverweigerung. Or ist israelische Kriegsgegnerin und bei New Profile aktiv.